Zwei Wahrheiten, die zusammengehören
Menschen mit ADHS hören im Berufsleben häufig zwei gegensätzliche Rückmeldungen – manchmal über dieselbe Person, manchmal in derselben Woche. „Unglaublich kreativ, denkt um Ecken, brennt für Themen.“ Und: „Unzuverlässig, verzettelt sich, bringt Dinge nicht zu Ende.“
Beides kann stimmen. Genau das macht ADHS im Arbeitsleben so anspruchsvoll: Stärke und Überforderung liegen oft nicht nur nah beieinander, sie speisen sich aus derselben Quelle. Die Fähigkeit, sich in etwas zu versenken (Hyperfokus), ist großartig – bis sie verhindert, dass man rechtzeitig zur nächsten Aufgabe wechselt.
Das Problem ist selten die Person – oft das Umfeld
Viele Menschen mit ADHS haben sich über Jahre angewöhnt, sich selbst als „das Problem“ zu sehen. Dabei lohnt sich ein anderer Blick: Wie gut passt das Arbeitsumfeld zur eigenen Arbeitsweise?
Großraumbüros mit Dauerreizen, Meetings ohne klare Struktur, Aufgaben ohne sichtbare Deadline – das sind Bedingungen, unter denen ADHS-typische Muster besonders sichtbar werden. Dieselbe Person kann in einem anderen Setting – klare Strukturen, sinnvolle Reize, Verantwortung für etwas Begeisterndes – außergewöhnlich leistungsfähig sein.
Die entscheidende Frage ist also nicht nur „Wie funktioniere ich besser?“, sondern auch „In welchem System komme ich zur Geltung – und wie gestalte ich dieses System mit?“.
Was in der Begleitung passiert
Systemische Begleitung bei beruflichen ADHS-Themen ist keine Therapie und keine Diagnostik – das gehört in andere Hände. Sie setzt dort an, wo es um Gestaltung geht: das eigene Funktionieren verstehen, Stärken bewusst einsetzen, Belastungsfallen erkennen und das Arbeitsumfeld so beeinflussen, wie es möglich ist.
Konkret kann das heißen: herausfinden, unter welchen Bedingungen Sie in den produktiven Fokus kommen. Klären, welche Aufgaben Sie auslaugen und warum. Strategien entwickeln, um Verantwortung sichtbar zu machen, statt sie im Verborgenen zu „verlieren“. Und überlegen, wie Sie mit Vorgesetzten oder im Team über Ihre Arbeitsweise sprechen, ohne sich klein zu machen.
Vom Kampf gegen sich selbst zur Gestaltung
Der vielleicht größte Schritt ist innerlich: vom permanenten Anrennen gegen die eigenen Muster hin zu einem Umgang, der die Stärken nutzt und die Schwächen einrahmt. Das macht nicht nur leistungsfähiger – es nimmt enorm viel Druck.